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Umgang mit Depressionen

[von Günter Seipp] Es gibt viele Vorurteile über Depressionen, denn sie passen nicht in das Weltbild von erfolgreichen, jungen und glücklichen Menschen. Es passt nicht in die Welt, die uns die Werbewirtschaft vorgaukelt und die für viele Menschen erstrebenswert scheint. Und gerade in seelenlosen Scheinwelten (Werbung, Mode, Film, Glamour, Politik und Profisport) sind depressive Abstürze besonders dramatisch, gehören aber angeblich „dazu“. Die, die nicht mit Depressionen zu kämpfen haben, glauben an Darwin und seine Theorie, weil sie sich selbst als Sieger sehen. Und gerade in dieser Gruppe besteht eine große Angst vor Verlust, die unbewältigt zu dramatischen Depressionen führen kann.

Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tiefe schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung der Strafe steigert.
- Sigmund Freud –
1917 in seinem Aufsatz
„Trauer und Melancholie“

Vor 200 Jahren wurden depressive Gefühle noch als Melancholie bezeichnet. Diese Schwermut trat bei adeligen, wohlhabenden, älteren Frauen auf. Schwermut hat offensichtlich mit mangelnder Beschäftigung und nicht vollzogener Trauerarbeit zusammen. Traurige Erlebnisse der Vergangenheit können nicht abgeschlossen und „verarbeitet“ werden, weshalb die Traurigkeit bei jedem neuen Gedanken an das Ereignis zurückkehrt und zu erneutem Schmerz führt. Verstärkt sich die Trauer aus verschiedenen Lebensbereichen (Beruf, Liebe, Beziehungen, Familie) so glauben betroffene Menschen häufig, dass das Leben keinen Sinn (mehr) hat, Weltschmerz macht sich breit, der auch ohne konkreten Anlass – überfallartig – die Seele in Beschlag nimmt. In solchen Phasen sind diese Menschen stark suizidgefährdet.

Mittlerweile diagnostiziert die Psychologie verschiedene Arten von Depressionen, und es gibt viele auslösende Faktoren, aber eins ist bei den Betroffenen immer gleich, depressive Menschen sind überdurchschnittlich intelligent. Blödheit hat für depressive Gefühle keine Ressourcen frei. Das ist auch der Grund weshalb Depressionen überwiegend bei erfolgreichen Menschen, bei herausragenden Persönlichkeiten, im Topmanagement und bei Spitzenkräften in Medien, Kultur, Politik und Sport auftritt.

Burnout-Syndrom, Midlifecrisis und Stress sind Schlagworte, die alle in engem Zusammenhang mit Depressionen stehen. Wobei es zwei grundsätzliche unterschiedliche Erlebnisweisen von Depressionen bei Männern und Frauen gibt.

Frauen leiden häufig unter einer Entscheidungsschwäche, die daher rührt, dass einmal getroffene Entscheidungen im nachherein in Frage gestellt werden und Zweifel, Schuldgefühle (Ich habe wieder alles falsch gemacht!) die eigene Persönlichkeit beschädigen, so wie Freud es schön vor 100 Jahren beschrieben hat. Eine erfolgreiche Behandlung kann in diesen Fällen nur gelingen, wenn die betroffene Frau neue Glaubenssätze kultiviert. Es muss deutlich werden,

dass Frau sich falsch entscheiden darf,
dass Frau sich nicht jedem Harmoniewunsch beugen muss und
dass Frau selbstbewusst durchs Leben gehen darf.

Selbstbewusste, starke  und erfolgreiche Frauen erleben häufig, dass sie von wenig selbstbewussten - also von schwachen - Männern abgelehnt werden. Da für viele Frauen Attraktivität und erotische Ausstrahlung (Frauenbild in der Werbung) wichtig sind, wird jede männliche Ablehnung als persönliche Niederlage empfunden, die das eigene Handeln in Zweifel zieht und das Selbstbewusstsein beschädigt. Entweder befreit Frau sich von dieser männlichen Fremdbestimmung oder die Depression bleibt ein lebenslanger Begleiter.

Männer leiden dagegen häufig unter der Vorstellung, dass sie immer stark sein müssen, dass nur der Held (Männerbild in der Werbung) wahrhaft männlich ist. Schwäche, Fehler und Niederlagen müssen deshalb unbedingt vermieden werden. Gerade erfolgreiche Männer leiden unter dieser ständigen Anspannung perfekt sein zu wollen, weil sie es angeblich sein müssen. Da diese Männer es erstaunlich lange schaffen, das Bild des Helden - trotz aller Selbstzweifel und Stress - aufrecht zu erhalten, kommt ein Absturz in die Depression für die meisten Bezugspersonen überraschend und leider manchmal mit tragischen Konsequenzen. Jede neue Erfolg, der „normalerweise“ für das Selbstbewusstsein gut ist, legt die Messlatte höher und der Zweifel, ob der Erfolg wiederholt oder sogar übertroffen werden kann, nagt genau an diesem Selbstbewusstsein. Wenn Sie an erfolgreichen Männern typische Verhaltensweisen von schwachen Persönlichkeiten, wie Aggression und Ungeduld wahrnehmen, dann können dies erste Anzeichen einer depressiven Verstimmung sein.

Das ist der ganze Jammer:
Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.
- Helmut Schmidt -

Beide Geschlechter zerbrechen an Depressionen aufgrund ihrer Selbstzweifel und unterdrückten Gefühlen. Die zugrunde liegenden Ereignisse zu rationalisieren (So schlimm ist das nicht! Ich kann das einfach nicht! Ich bin zu dumm dafür!) oder andere Erklärungen, die das eigene Empfinden des Versagens lindern sollen, helfen nicht, wenn die falschen Glaubenssätze nicht abgelegt werden. Der beste Therapeut kann nicht helfen, wenn der Patient sein altes Verhalten (Ich bin nur etwas Wert, wenn ich stark, erotisch attraktiv usw, usf. bin!) nicht ablegt. Durch die rationalisierenden Erklärungen tritt ein zusätzliches Problem auf, dass die Depression langfristig verstärkt. Jede Erklärung beschädigt das Selbstvertrauen und -bewusstsein und verstärkt das Gefühl der Wut, ein paar Jahre scheint diese Technik Linderung zu verschaffen, aber sobald das Unterbewusstsein das Gefühl der Unzulänglichkeit akzeptiert hat, wird eine Rettung sehr schwer.

Die einen neigen nach dem ersten Erkennen der Depression dazu, aktionistisch loszustürmen und das nächste Problem anzupacken, während die anderen ihren Lebensmut verlieren und nach Erklärungen suchen, weshalb sie nicht handeln können. Sie erkennen diese Phase an Rückzug, Teilnahmslosigkeit und sich-dem-Schicksal-unterwerfen. Diese Phase tritt bei einer fortgeschrittenen Depression praktisch immer auf und ist ein sehr ernstzunehmendes Alarmzeichen. Die wenigsten Menschen können lange fatalistisch und depressiv durch das Leben gehen. Da Geduld angeblich keine Tugend für Männer ist, hört man viel häufiger von einem Suizid von Männern als von Frauen. Bei Robert Enke, der sich im Herbst 2009 – ein halbes Jahr vor der Weltmeisterschaft in Südafrika, das Leben nahm, scheint es so gewesen zu sein. Der dritt- oder viertbeste Torhüter in Deutschland zu sein und die eventuelle Nichtnominierung für die deutsche Nationalmannschaft löste einen so starken Handlungsdruck aus, dass er offensichtlich keine andere Lösung für sich sah. Die öffentliche Meinung ist ein Raubtier. Karl-Theodor zu Guttenberg hat ebenfalls Suizid begangen, zumindest in Deutschland. Er hat sich allerdings für eine andere Lösung entschieden, indem er in die USA gegangen ist. Welche Art von Suizid gewählt wird, hängt davon ab, ob Narzissmus oder Scham überwiegen. Aber auch für Menschen, die meinen, ihre Lebensziele nicht erreichen zu können, gibt es immer mindestens eine sinnvolle Alternative.

Niemals, niemals,
gib niemals auf.
- Winston Churchill -
Es gibt heute gute Psychopharmaka, deren Nebenwirkungen nicht mehr die positive Wirkung übertreffen und auch die TMS (Transkranielle Magnetstimulation) scheint eine gute Möglichkeit zur Behandlung von Depressionen darzustellen. Einer meiner Kunden,  Geschäftsführer einer mittelständischen Firma aus Franken, hat mir erzählt, dass ihm an der LMU (Ludwig-Maximillians-Universität) in München mit der TMS geholfen wurde und seine Depressionen weg sind. Natürlich haben ihm auch die begleitenden Gespräche geholfen, aber die größte Hilfe schreibt er der TMS zu.

Ich habe in den vergangenen 20 Jahren mit vielen Arten von Depressionen zu tun gehabt und bei schweren Formen ist die Therapie erst dann einfach und erfolgreich, wenn die betroffene Person offen und lösungsorientiert mitarbeitet. Auch hier zeigt sich wieder ein deutlicher Unterschied zwischen Frauen und Männern.

Viele Frauen bekommen zu wenig Aufmerksamkeit, und wenn die Schilderung von Niederlagen, Fehlern und Depressionen dazu führt, dass sie diese Aufmerksamkeit bekommen, dann sind sie schnell bereit auch neuen Gesprächspartnern zu vertrauen. Leider haben diese Frauen aber zunächst keinerlei Interesse daran, geheilt zu werden, denn mit der Heilung verschwindet die Aufmerksamkeit wieder.

Männer können dagegen solange nicht über ihre Depressionen sprechen, wie sie sich noch in einem imaginären Konkurrenzkampf mit Therapeuten, Psychologen und Medizinern sehen. Bis die notwendige Vertrauensbasis hergestellt ist, dauert es lange und verlangt viel Geduld und eine sensible Gesprächsführung.

Als ich 1996 den ersten Auftrag für eine NewPlacement-Maßnahme erhielt (Nach der Schließung der Hamburger Niederlassung des niederländischen Bankhauses MeesPierson mussten die Mitarbeiter in neue Beschäftigungen vermittelt werden), wurde ich auch mit mehreren älteren Mitarbeitern konfrontiert, die dabei waren, eine Depression zu entwickeln. Während die Frauen schon nach kurzer Zeit ausführlich über ihre „Behinderungen“ sprachen und sich so zusätzliche Aufmerksamkeit holten, erklärten mir einige der Männer, dass sie meine Unterstützung nicht benötigen würden, da sie bereits neue Arbeitsstellen gefunden hätten, was allerdings nicht stimmte. Die Frauen konnten verhältnismäßig schnell – in den meisten Fällen sogar - in eine Beförderungsstelle vermittelt werden, während es bei den Männern viel länger dauerte, da diese erst „überredet“ werden mussten, meine Hilfe anzunehmen. Neben dem unverschuldeten Arbeitsplatzverlust, hatten sie die Notwendigkeit meiner Unterstützung als weitere Niederlage erlebt. So manche Sitzung dauerte daher nicht die vorgesehene ¾ Stunde sondern zwei Stunden.

Wenn Sie merken, dass Ihre Selbstzweifel, und der Druck diese Zweifel zu verstecken, immer größer werden, dann suchen Sie sich einen kompetenten Gesprächspartner. Es gibt in Deutschland viele gute Psychologen und Psychotherapeuten. Erste Anlaufstelle könnte ein Berufsverband sein.

Tipps für Betroffene, Beteiligte, Therapeuten und Psychologen