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Nachruf auf Richard von Weizsäcker


Deutschland trauert um Richard von Weizsäcker
Zum Staatsakt im Berliner Dom am 11. Februar 2015
[von Günter Seipp] Es ist nicht nur deshalb traurig, dass Richard von Weizsäcker gestorben ist, weil er ein ehemaliger Bundespräsident ist oder weil er den Bremer Wandervogel Karl Carstens seinerzeit im Amt abgelöst hat, es ist vor allem deshalb traurig, weil er für ein klares politisches Denken, für Toleranz, Versöhnung und Unvoreingenommenheit stand.

Richard von Weizsäcker war einer der wenigen Politiker in der Union, der Helmut Kohl und dessen Politikverständnis (Pragmatismus für den eigenen Machterhalt auch gegen die Vernunft um jeden Preis) öffentlich widersprochen hat. Da Richard von Weizsäcker im In- und Ausland so hohe Wertschätzung genoss, konnte Helmut Kohl ihn nicht abservieren, wie er es mit so vielen anderen getan hat. Aus diesem Grunde wurde Richard von Weizsäcker 1989 mit überwältigender Mehrheit ohne Gegenkandidat im Amt des Bundespräsidenten wiedergewählt.

Schon als Karl Carstens 1979 zum Bundespräsidenten gewählt wurde und das trotz seiner NS-Vergangenheit, habe ich befürchtet, dass die Zeit der Sozialliberalen Koalition mit Helmut Schmidt als Kanzler und Hans-Dietrich Genscher als Vizekanzler und Außenminister nicht mehr lange halten würde. Helmut Schmidt war nach den großen Gesten von Willy Brandt, die zur Aussöhnung mit Polen und der Sowjetunion führten, und der Grundstein für die deutsche Wiedervereinigung wurden, schon ein Rückschritt. Aber die Wahl eines ehemaligen Nazis zum Bundespräsidenten (Karl Carstens) war schon ein dreistes Stück der CDU.

Mit umso größerer Freude habe ich 1985 die Rede zum 40-jährigen Kriegsende von Richard von Weizsäcker wahrgenommen. Es gab viele Formulierungen, die auch von Willy Brandt hätten stammen können. Die Rede machte Hoffnung, dass nach dem heißen Krieg auch der kalte Krieg demnächst ein Ende finden würde. Und so war es vier Jahre später endlich auch. Wer weiß, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn es Willy Brandt und Richard von Weizsäcker in der deutschen Politik nicht gegeben hätte? Wo wären wir heute, wenn sich damals die Falken und kalten Krieger durchgesetzt hätten? Insofern finde ich die öffentlichen Äußerungen vom russischen Außenminister Sergei Lawrow, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und - auf der Münchener-Sicherheits-Konferenz #MSC2015 - des amerikanischen Senators John McCain als Vorboten des Armageddon. Die USA lassen gerne außerhalb Ihres Landes kämpfen. Korea, Vietnam, Irak und Afghanistan sind traurige Beispiele für den amerikanischen Imperialismus. Reiht sich demnächst die Ukraine in diese Liste des Versagens der Diplomatie ein? Russland steht dem allerdings in nichts nach, wenngleich Russland eher in der unmittelbaren Nachbarschaft seinen Herrschaftsanspruch geltend macht. Afghanistan, Tschetschenien, Georgien und die Ukraine gehören in diese Liste.

Ich wünsche uns allen sehr, dass sich der eine oder andere Politiker zu einem würdigen Nachfolger von Richard von Weizsäcker entwickelt. Wenn alle Politiker dieser Welt über die Intelligenz und Weitsicht - über die Vision der Harmonie zwischen Macht und Moral - eines Richard von Weizsäcker verfügen würden, dann wäre es bald mit Terror und Staatsterror vorbei. Die Welt hat einen großen Staatsmann verloren.

Zitate von Richard von Weizsäcker
Am Ideal gemessen versagt die Wirklichkeit. Aber was wäre das für eine traurige Wirklichkeit, wenn sie aufhören würde, sich nach dem Ideal zu orientieren und nach der Wahrheit zu fragen?
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An drei Dingen erkennt man den Weisen: schweigen, wenn Narren reden; denken, wenn andere glauben und handeln, wenn Faule träumen.
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Demokratie lebt vom Streit, von der Diskussion um den richtigen Weg. Deshalb gehört zu ihr der Respekt vor der Meinung des anderen.
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Den Vorschlag, die abnehmende Zuneigung der Bürger gegenüber Wahlen zu heilen, indem man eine Wahlpflicht mit Geldbußen für Nichtwähler einführt, ist ein wenig eindrucksvoller Faschingsscherz.
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Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
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Der Freund des Gespräches aber ist der Freund des Friedens, der nur auf dem Gespräch der Menschen miteinander ruhen kann.
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Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder gegen Türken, gegen Alternative oder gegen Konservative, gegen Schwarz oder gegen Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.
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Die Deutschen haben auf hartem Weg, in zwei europäischen Kriegen, gelernt, dass hegemoniales Denken diesem Kontinent nicht gut tut.
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Wenn der harte Weg zur Vernunft, den Richard von Weizsäcker im letzten Zitat beschreibt, nicht vergebens gewesen sein soll, denn Krieg ist weder für Europa noch für sonst ein Land dieser Erde gut, so bedarf es außerordentlicher Ereignisse, damit Deutschland sich durch Waffenlieferungen oder aktives Eingreifen an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligen darf.

Wenn die Welt schon verrückt spielt, dann muss wenigstens einer seine Stimme für Vernunft und Moral erheben. Krieg ist ebenso wenig die Lösung, wie die Todesstrafe.