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Psychologie

Sinnvoller Umgang mit Angst

[von Günter Seipp] Wenn Sie sich darüber bewusst werden, dass Sie Ihr ganzes Leben lang von einer Vielzahl unterschiedlichster Ängste gepeinigt werden, erkennen Sie selbst, wie groß das Potenzial ist, um mehr Freiheit und Selbstbestimmung zu erreichen.

Über die meisten Ängste ist man sich selbst kaum im Klaren. Wenn Sie beispielsweise Angst davor haben, vor einer größeren Gruppe von Menschen zu sprechen, so kann man diese Situation trainieren und verändern. Sie glauben gar nicht, wie kreativ Menschen sein können, um sich einer ängstigenden Situation nicht aussetzen zu müssen. Im Laufe Ihres Lebens verwenden Sie so 100-mal mehr Zeit mit Ausweichhandlungen, anstatt einmal diese Problem anzugehen und zu lösen.

In seinem 1973 erschienenen Buch "Die acht Todsünden der Menschheit" schreibt Konrad Lorenz unter anderem:

                                        

"Man muss sich fragen, was der heutigen Menschheit größeren Schaden an Ihrer Seele zufügt: Die verblendete Geldgier oder die zermürbende Hast. Welches von beiden es auch sei, es liegt im Sinne der Machthabenden aller politischen Richtungen, beides zu fördern und jene Motivationen bis zur Hypertrophie zu steigern, die den Menschen zum Wettbewerb antreiben. Meines Wissens liegt noch keine tiefenpsychologische Analyse dieser Motivation vor, ich halte es aber für sehr wahrscheinlich, dass neben der Gier nach Besitz oder nach höherer Rangordnungs-Stellung, oder nach beidem, auch die Angst eine sehr wesentliche Rolle spielt, Angst im Wettlauf überholt zu werden, Angst vor Verarmung, Angst, falsche Entscheidungen zu treffen und der ganzen aufreibenden Situation nicht oder nicht mehr gewachsen zu sein. Angst in jeglicher Form ist ganz sicher der wesentlichste Faktor, der die Gesundheit moderner Menschen untergräbt und ihnen arteriellen Hochdruck, genuine Schrumpfniere, frühen Herzinfarkt und ähnlich schöne Dinge zufügt. Der hastende Mensch ist sicher nicht nur von Gier gelockt, die stärksten Lockungen würden ihn nicht zu so energischer Selbstbeschädigung veranlassen können, er ist getrieben, und was ihn treibt, kann nur Angst sein."

 

Wenn Sie auf Dauer erfolgreich sein wollen, so sind Sie dringend aufgefordert, über Ihre eigenen Ängste zu reflektieren und sich mit diesen Ängsten auseinanderzusetzen. Für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Angst können Sie unser Formular "Problembewältigung" benutzen. Mit Ihren Ängsten müssen Sie sich allerdings noch sorgfältiger und genauer auseinandersetzen, als mit Ihren Problemen, da hier die Wirkungen sehr viel weitreichender sind und Sie darüber hinaus Ihre Ängste nur mit viel Mühe selbst erkennen.

"Nur in Märchenbüchern ist es möglich, Probleme über Nacht zu lösen"
Norbert Blüm

Wenn Sie eine Angst erkennen, haben Sie sie aber schon fast überwunden. Beschäftigen Sie sich mit Ihren Ängsten, rationalisieren Sie die ängstigenden Situationen und schon in kurzer Zeit können Sie zumindest wieder angstfreier agieren.

Nur wer seine Ängste bezwingt, kann sinnvoll verändern.

Nur wer verändert, kann sich über die tägliche Hast erheben. 

Nur wer sich über die tägliche Hast erhebt, kann auf Dauer Erfolg haben. 

Machen Sie sich aber auch bitte klar, dass Ihre Angst eine wesentliche Schutzfunktion erfüllt. Ohne die Angst wäre die Menschheit lange ausgestorben, deshalb ist Angst nicht nur negativ wahrzunehmen und schränkt die Lebensqualität ein, Sie können Ihre Angst auch positiv wahrnehmen. Wenn sich eine Angststörung über viele Jahre aufgebaut hat, werden Sie dafür allerdings professionelle Hilfe benötigen. Was sich über Jahre entwickelt hat, lässt sich nicht in Stunden abschaffen.

Mut ist oft nur Vertrauen auf die Angst des Gegners.
Honoré de Balzac 


Angst ist das dominierende Gefühl des Menschen. Sie müssen sich also nicht vor Ihrer Angst fürchten, sondern Sie sollten ein Angstgefühl als willkommene Warnung verstehen. Ob Sie sich in die Angst fallen und von ihr beherrschen lassen, oder gegen sie ankämpfen, liegt allein in Ihrer Entscheidung. Treffen Sie hier keine willentliche Entscheidung, haben Sie sich für eine Herrschaft der Angst entschieden.

Weil Angst eine Schutzfunktion erfüllt, gewinnt die Angst im Konflikt mit anderen Gefühlen wie Liebe, Wut und Trauer meist die Oberhand. 

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