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gswSeminare · Newsletter vom 11. März 2016

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

fast wäre der 22. September 2015 der letzter Tag meines besten Freundes auf diesem schönen Planeten geworden, glücklicherweise …, aber der Reihe nach. Peter ist Diabetiker und hatte von seinem Arzt ein neues Medikament verordnet bekommen. Wie er im Krankenhaus erfuhr, gab es mit diesem Medikament weltweit bereits ca. 200 Komplikationen. Glücklicherweise hat seine Frau richtig reagiert und sofort den Notarzt verständigt.

In mehreren intensiven Gesprächen erzählte Peter mir, dass er nach diesem Erlebnis die wichtigen Dinge des Lebens verstärkt in den Fokus seiner Aufmerksamkeit nehmen möchte, aber welche Prioritäten soll er setzen? Schließlich hat er schon jetzt jeden Tag viel zu viel zu tun. Peter wird in Kürze 60 Jahre alt und immer wenn man davor steht „zu Nullen“, geht eine Dekade zu Ende, die das „überschaubare“ Leben geprägt hat. Ich habe die 60 glücklicherweise schon hinter mir, deshalb kann ich sehr gelassen über Themen wie Abschied, Tod und Trauer sprechen. Die Null bedeutet neben dem Abschied immer auch Neuorientierung. Oder wie Seneca sagte: „Darin täuschen wir uns, dass wir den Tod immer nur vor uns sehen; ein großer Teil von ihm liegt schon hinter uns; die ganze Zeit, die wir bisher durchlebten, hat der Tod schon.“ Peter fragt sich: „Was soll in den nächsten zehn Jahren meines Lebens wichtig sein?“ Geld hat er genug verdient, er bräuchte nicht mehr zu arbeiten, aber womit soll er dann seine Zeit verbringen? Es erschien ihm einfacher, immer so weiter zu machen, die lieb gewonnenen Rituale und Gewohnheiten fortzusetzen, als etwas „Neues“ - mit möglicherweise unerwünschtem Ausgang - zu versuchen. Er ist für seine Bezugspersonen „der Held“ und Helden erleben schließlich keine Niederlagen! Oder?

Nur damit Sie keinen falschen Eindruck bekommen, Peter hat keine Angst vor dem Tod, er hält es lediglich für egoistisch und nicht angebracht zu sterben, schließlich hat er so viele Verpflichtungen, dass für Krankheit und Tod kein Platz in seinem Leben war. Nach dem Krankenhausaufenthalt hat sich seine Meinung verändert, heute hält er es mit Epikur: „Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ Peter lag drei Tage im Koma und er erzählte mir, dass das eine wunderbare Zeit war, keine Schmerzen, keine Entscheidungen, die von ihm erwartet wurden, keine Verantwortung, für seine Mitarbeiter und das Betriebsergebnis, er fühlte sich vollkommen frei. Er betonte, dass er ein solches Gefühl der Freiheit zuletzt als Kind spürte, eingebunden in die Sicherheit seiner Familie, und wie unwichtig der eigene Tod auf der Intensivstation wird. Er hat zwar nicht das „berühmte“ weiße Licht gesehen, aber vor dem eigenen Tod hat er jetzt noch weniger Angst als ohnehin schon. Andererseits ist ihm bewusst geworden, wie wichtig er für seine Frau, seine Kinder, Enkelkinder und seine Firma ist und er durch dieses Erlebnis noch mehr Verantwortung spürt.

Art Buchwald hat kurz vor seinem Tod gesagt: „Sterben ist einfach, aber versuch mal, hier in der Gegend einen Parkplatz zu finden.“ Alles ist eine Frage der Perspektive. Sterben ist für den, der stirbt, tatsächlich einfach. Sterben ist nur für die Überlebenden schwer. Für die Menschen, für die wir wichtig sind, ist unser Tod schwer zu ertragen. Es ist allerdings weniger unser Tod, den die Überlebenden fürchten, als vielmehr die Einsamkeit wenn wir nicht mehr da sind. Unsere Unterstützung und Zuspruch, den wir nicht mehr geben können, fehlt und die Menschen müssen selbst denken und sich trösten. Die wichtigste Forderung, die jeder Mensch deshalb an sich selbst stellen muss, lautet daher: „Sie müssen sich selbst überflüssig machen, denn dadurch erreichen Sie die Freiheit wieder, die Sie als Kind besaßen!“ Zeigen Sie den Menschen, wie diese ohne Sie ihr Leben glücklich gestalten können und Sie haben das Beste für Ihre „Kinder“ getan. Wenn Ihre Kinder sich immer auf Sie verlassen können, brauchen sie solange nicht erwachsen zu werden, wie Sie leben. Ich wünsche Ihnen, das Sie Johannes Heesters überholen, aber das Wichtigste im Leben ist nicht besonders viele Jahre in Ihr Leben zu stecken, sondern besonders viel Leben in Ihre Jahre!

So schön der Gedanke auch ist, dass es Menschen gibt, denen wir etwas bedeuten und für die wir wichtig sind, so sehr ist dieser Gedanke auch eine Belastung, denn Wichtigkeit bedeutet auch Verpflichtung. Heißt diese Wichtigkeit im Umkehrschluss, dass wir niemals in Frieden sterben dürfen, weil wir immer noch eine neue Aufgabe, eine neue Pflicht zu erfüllen haben?

Ich habe viele Unternehmensnachfolgen begleitet und musste immer wieder erleben, wie schwer es den Inhabern fiel, ihr Lebenswerk in neue Hände abzugeben. Aber sobald akzeptiert worden war, dass nach so vielen Jahren der Pflichterfüllung die begrenzte Lebenszeit für das persönliche Glück genutzt werden darf, sobald eine neue Lebensperspektive entwickelt wurde, konnte die neu gewonnene Freiheit auch genossen werden. Die meisten ehemaligen Firmenchefs haben später gar nicht mehr verstanden, weshalb sie so lange an ihrem Schreibtisch klebten und das Leben nur als Zuschauer wahrnahmen.

Wenn man einmal in einer Denkrinne feststeckt, wird es schwer aus dem Alltagstrott, den Verpflichtungen und Erwartungen auszubrechen und das selbst gewählte Gefängnis zu verlassen. Sie können jederzeit alles in Frage stellen, alles verändern und ein glücklicheres Leben führen. Sie können aber auch Ihrer jetzigen Tätigkeit neuen Sinn geben, so dass Ihre Bedürfnisse verstärkt befriedigt werden. „Ich leide, also bin ich!“ ist nicht wirklich ein überzeugendes Lebensmotto.

Wenn ich Ihnen einmal bei der Überprüfung Ihrer Lebensziele und Gewohnheiten behilflich sein darf, so würde ich mich sehr freuen. Falls Sie mich etwas „leichter“ kennen lernen möchten, sehen Sie sich doch die Termine der nächsten offenen Seminare an, nehmen Sie an einem Seminar mit dem Thema, dass Sie am meisten interessiert, teil, und entscheiden sich nach unserer persönlichen Bekanntschaft, ob ich Sie bei gewünschten Veränderungsprozessen begleiten darf.
Mit herzlichem Gruß
Günter Seipp